SIEBEN SIEGEL. DAS GROSSE SCHWEIGEN ÜBER UNS

Hier ein kurzer Auszug aus meinem Prosatext „SIEBEN SIEGEL. DAS GROSSE SCHWEIGEN ÜBER UNS. Eine surreale Erzählung.“

Autor: Martin Konrad Zopf

Lesedauer: 4 Minuten

PROLOG

Es ging schleichend. Aber gleichsam – so schien es – ersonnen und orchestriert. So selbstverständlich wie lebenslang eingeübte Exerzitien nach altem Gebot. Eine verborgene Order aus weithin vergangenen Tagen. Geheimnisvoll und sagenumwogen.

Und auf einmal war es ganz still in der Welt. Als hätten die Menschen die Sprache verschluckt, als wären ihre Stimmen – von unbekannter Macht bewogen – stecken geblieben.

Zunächst hielten es alle für einen schlechten Scherz. Nervös wähnten sich die Leute im falschen Film. Kein verschlagener Kleinlaut kam mehr aus ihrem Rachen, die Gedanken verpufft im Nebel. Nur aus den Bäumen sangen spöttisch noch ein paar Vögel.

Und jetzt, ob Du es nun glaubst oder nicht: Genau so ging es rund um den Globus. Von Amerika bis Japan, von Spitzbergen bis Feuerland. Vom lieblichsten Kleinkind bis zum gütigsten Tattergreis. Auf einmal versagten allen die Sprechorgane und hinterließen sie in verstummter Verwirrung. Kein Mensch brachte fortan je einen Laut hervor, höchstens ein mehr oder weniger angenehm laues Lüftchen.

Dies war die Zeit von Alphonso. Ein kleiner Junge mit einem großen Auftrag tief in sich: Er mochte wieder finden, was die Menschen verloren – vielleicht schon vor langer Zeit – oder womöglich gar noch niemals besessen hatten.

Die Musik. Die Poesie. Geschichten und Geheimnisse. Geist und Seele der Welt. Aus der Stille. All das waren ihm innigste Geschenke. Er mochte sie teilen mit allen, die zu hören verstanden.

1

Alphonso hatte große, kluge Augen, mit denen er feinsinnig die Welt empfing. Zwei tiefdunkle Spiegel begegneten den Menschen, die seinen Weg kreuzten. Oft war Alphonso traurig, aber wohlgesonnen. Eine kecke, brünette Lockenpracht zierte üppig das ansonsten eher schmale Gesicht. Meist trug er eine dunkelgelbe Latzhose mit schwarzen Hosenträgern, an beiden Knien zwei knallrote Aufnäher in der Form prächtiger Äpfel.

Seit einigen Jahren schon lebte Alphonso bei seiner Großmutter. Eine weise, lebenskluge wie elegante ältere Dame. In der Zeit als die Menschen noch miteinander redeten, wurde sie stets freundlich und voller Achtung gegrüßt: „Guten Tag, Frau Schöneklinger.“ Oder: „Gott segne Sie, Frau Schöneklinger. Ein langes, gesundes Leben möge Ihnen beschieden sein“, sagten die Leute.

Sie betrieb einen kleinen Kiosk unweit ihrer Wohnung in der Altlastenstraße. Alphonso mochte seine Großmutter sehr. Gerne saß er bei ihr unten im Kiosk auf einem massiven Hochstuhl hinter der Ladentheke. Ringsum ihn herum Zeitschriften und Magazine, Bücher, Comic-Hefte, Rauch- und Schreibwaren, allerlei Süßigkeiten, Spezereien, Souvenirs und Devotionalien. Er genoss es von seinem Hochstuhl aus – an einem leckeren Lutschbonbon kauend – sich durch diese kleine Zauberwelt zu stöbern und zu blättern. Er bestaunte Tiere, Flugzeuge, Raketen, Rosenkränze, Planeten und Heiligenfiguren. Dann tauchte er wieder auf und die Großmutter kraulte ihm liebevoll das krause Haar.

Aber ebenso mochte er es einfach nur dazusitzen und die Kundschaft zu beobachten. Es war ein gar kunterbunter Haufen an Leuten, welche in Großmutters Kiosk kamen. Und seit Ausbruch des großen Schweigens, drängten sie sich nur noch emsiger in Großmutter Schöneklingers Pavillon.

Es war an einem späten Vormittag im Mai – über die Altlastenstraße zog feinste Frühlingsluft – als ein älterer Herr den Kiosk betrat. Er zog seinen schwarzen Hut zum Gruße, besah eine Weile das beschauliche Angebot und deutete dann – etwas seltsam – auf seine Stirn. Das eigenartige Mimenspiel, das dabei kreuz und quer über sein Gesicht tanzte, verriet auch nicht sonderlich viel. Alphonso nahm flux ein kleines Büchlein samt Stift und reichte es dem Herrn. Schnell kritzelte dieser in großen, krakeligen Lettern: „ICH SUCHE ETWAS SCHÖNES, FÜR MEINE VERSTORBENE FRAU“. Die Großmutter lächelte diskret, wandte sich kurz um und legte ihm mit einem freundlichen Zwinkern einen kunstvoll gefertigten Heiligen Christophorus und ein kleines Täfelchen Erdnussschokolade auf die Theke. Großäugig fragend schaute der betagte Herr sie an und schüttelte verträumt den Kopf. Dann lüftete er zerstreut seinen Hut, schaute länger auf die bunte Holzfigur samt der süßen Zugabe, nickte kurz, legte abgezählte Geldmünzen daneben, lächelte verduzt und verließ – die Figur und das Täfelchen in seine Manteltasche gesteckt – mit einer flüchtigen Handbewegung den Kiosk.

Alphonso sah eine starke Rührung in Großmutters Gesicht. War es Entzücken, Dankbarkeit oder Kummer? Er hieß all diese Gemüter willkommen und steckte zärtlich seinen Kopf in die lebenskräftigen Arme der weisen Frau.

2

Ja es war still geworden in Kleinleuthausen. Wunderbar still. Die ganze Welt war von einer sagenhaften Tiefe durchdrungen. In den Alleebäumen entlang der Altlastenstraße frohlockten siegessicher die Vögel und ergingen sich lauthals in fröhlichen Symphonien. Der Wind stimmte munter ein und strich durch die Baumkronen, dass es eine Freude war

Oft sahen die Menschen nach oben, standen da und lauschten. Nicht selten sah Alphonso wie sie sich in kleineren Grüppchen sammelten und sich zusammen – dabei jedoch jeder ganz bei sich – besonnen, geradezu andächtig den Klängen hingaben. Die Leute staunten groß mit reich beschenkten Gesichtern, als ob ihnen heimlich das Christkind in tiefer Einsicht genau den schon seit jeher sehnlichst herbei geträumten Wunsch erfüllt hätte. Ihre Fragen und Streitigkeiten verloren sich im Zauber der Geräusche der Welt – so wie sie die Natur bereit hielt – eingebettet in eine zauberhafte Stille.

F.f.

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Autor: Martin Konrad Zopf


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Veröffentlicht von mkzopf

LEBENS·RAUM/gestalter · Freier Autor, Texter & Sprachkünstler · Philosoph & Musiker