Lebenskunst zwischen Tradition und Abenteuer

Oder: Meier Helmbrecht, der Bock und sein Gärtner

Autor: Martin Konrad Zopf

Lesedauer: 8 Minuten

Es war einmal ein Raubritter namens Helmbrecht. Der gebürtige Bauernsohn wuchs – wenigstens der Legende nach – im oberösterreichischen Innviertel am Weilhartsforst bei Braunau auf. Ihm war ein treues Leben als Bauer beschert, gemäß dem Stand seiner Familie schon seit Menschengedenken.

Und so sah auch sein Vater, der rechtschaffene Bauer und Gutsverwalter „Meier Helmbrecht“, den aufgeweckten, gut aussehenden Jüngling zeitlebens schon bescheiden und fleißig in seine bäuerlichen Fußstapfen treten.

Doch der heranwachsende Spross träumte unter seiner prächtig verzierten Mütze indes von einem abenteuerlichen, wohlhabenden, gar ritterlichen Leben. Dem stolzen Emporkömmling war nämlich nicht im Geringsten der Sinn danach auf den eingefahrenen Wegen des familiären Standes althergebracht die heimatliche Scholle zu bestellen – wogegen Seinesgleichen dies bereits seit jeher pflichtbewusst zu tun pflegten.

Nein, er wollte hinaus in die weite Welt und sein Geschick tüchtig in die eigenen Hände nehmen. Und so kam es, dass der verheißungsvolle Jungsporn dereinst auszog und den ihm angeborenen Bauernstand sowie seine Familie traurig hinter sich zurück ließ.

Doch das Leben spielte ihm trickreich nicht die ersehnten Aventüren mittels ritterlicher Tugenden in den Stand eines Edelmanns emporzusteigen. Demgegenüber zog Helmbrecht – anstatt durch ehrgeizigen Heldenmut getrieben – alsbald schon mit den Spießgesellen einer fürchterlichen Raubritterbande plündernd, brandschatzend und raubmordend durch die Lande.

Helmbrecht trieb sein schandhaftes Unwesen gar so weit bis er schlussendlich – durch sein sündhaftes Gebaren von Familie und Gesellschaft geächtet und schließlich von Herrschaft und Gefolge bestraft und gerichtet – erhängt an einem Baum im Wald zuletzt ein tragisches Ende nahm.

„Warum eigentlich dieser seltsame Ausflug ins Mittelalter?“, werdet ihr euch jetzt womöglich fragen. Ja, was hat dieser Exkurs in die mittelalterliche, ständische Gesellschaft und Gesinnung nun mit Natur, Garten und Sprachkunst sowie mit uns allzu zeitgemäßen Menschen zu tun?

„Eine ganz und gar gute Frage!“, muss ich euch zugeben.

Nun gut, ich will mich nun um eine Antwort bemühen.

Gleich vorweg: Als Verfasser der mittelhochdeutschen Versnovelle „Meier Helmbrecht“ gilt der im 13. Jahrhundert lebende, vermutlich ebenso aus dem Innviertel stammende, hochmittelalterliche Dichter „Wernher der Gärtner“. Dieser propagierte mit seiner auf Legenden beruhenden Erzählung wohl ganz gemäß der damals vorherrschenden Weltanschauung eine gar anständige und tugendhafte Sitte, eine das Brauchtum und den Stand der Eltern achtende sowie der „naturgegebenen, gottgewollten Ordnung“ der Welt getreu ergebene Gesinnung der Menschen.

Jetzt muss ich folgendes festhalten – und dabei oute ich mich insgeheim auch als Fan von Helmbrechts jugendlichem Eigensinn:

Jawohl, im Grunde schätze ich die kühne Neugier dieses aufstrebenden Bauernsohnes. Den ritterlichen Lebensmut, mit dem er tapfer aus den gewöhnlichen Bahnen ausbrechen und sich ins Unbekannte stürzen will. Helmbrechts mutmaßlich heldenhaften Aufbruch ins Neue und Ungewisse, frisch und munter auf der Spur ins Abenteuer. Romantisch verklärt gesehen womöglich wohl gar auf der ritterlichen Suche nach dem heiligen Gral!?

Doch in diesem Anti-Heldenepos zeigt sich uns sonnenklar auch eine nicht sehr zeitgemäße Botschaft:

Ich möchte jetzt zwar nicht etwas so Unflätiges sagen wie „Schuster bleib bei deinen Leisten!“ Oder: „Wir wollen, dass jeder an seiner Scholle ein Lebtag lange kleben solle!“ Oder auch: „Was schreibt denn dieser „Wernher der Gartenaere“ da nur für einen hausgemachten Topfen zusammen. Soll sich dieser Haderlump lieber wieder besser um seine Röslein und Kräuterchen kümmern!“

Nein, bei allem gebotenen Respekt vor der abendländischen Geistesgeschichte, vor Minnesang, Aufklärung und Humanismus, verbietet sich ein derart frevelhafter Hochmut. Vielmehr gönne ich jedwedem Menschen sein eigenhändig geschmiedetes, in seiner Eigenart beschiedenes Glück. Wahrlich ein Hoch auf die Freiheit und die individuelle Entfaltung und Selbstverwirklichung aller Menschen im Sinne des Wahren, Guten und Schönen. Es lebe das ritterliche Streben!

Und dennoch gefällt mir – auch wenn ich mich dabei womöglich unangenehm tief in die zeitgeistigen Brennesseln hinein setzen sollte – im Grunde die Idee einer „mensch-natürlichen“, sagen wir sogar frech so etwas wie „göttlich-spirituellen“ Ordnung – gleichsam einer sogenannten „Ordo naturalis“. Vergleichbar auch mit dem asiatischen Begriff des „Dharma“.

In einer solchen Welt mögen alle Lebewesen zum Wohle eines harmonisch ausgewogenen Ganzen ihren ihnen angemessenen, in höheren Geschicken bestimmten Platz finden und einnehmen sowie demgemäß gedeihlich sich entwickeln können. Gleichsam kann wohl auch jedes Geschöpf an der ihm vom Lauf des Lebens zugespielten Stelle und Rolle ebenso stark verwurzelt sein sowie sich frei darin entfalten.

Selbstverständlich bewegen wir uns hier bereits auf schwierigem Terrain, auf gar dünnem Eis über einer tiefgründigen Unbeweisbarkeit – ähnlich solcher erlesener philosophischer Konzepte wie der „Conditio humana“ oder der „Philosophia perennis“ – Annahmen also über das „natürliche Wesen des Menschen“ oder über „universell gültige, ewige Einsichten und Wahrheiten“ sowie den „Urgrund des menschlichen Daseins“. Welch hoffnungslos leichtsinniger, allzu naiver Ansatz?

Dabei würde vermutlich auch schon „Wernher der Gärtner“ sinngemäß dazu sagen: „Dann holen sich wohl besser die oftmals gar zu übermütigen jüngeren Leute gefälligst ruhig auch wieder einmal den Rat der weisen Älteren, wenn es schon ansteht etwas Neues auszuprobieren – und Helmbrecht wäre am Ende ein anständiger Hausherr und Familienvater geworden und nicht als unsittlicher Falott elendiglich zugrunde gegangen!“

Und er steht damit wohlweislich in einer uralten Tradition, in welcher übrigens selbst Sokrates bereits sich abfällig gegenüber der damaligen – wohl gemerkt antiken – Jugend geäußert hat.

Darüberhinaus meine ich nun aber – im Sinne einer allseits weisen Synthese nicht weniger als – die hohe Kunst des Lebens: Altbewährtes sowie neu Entdecktes und Erfundenes nicht gegeneinander aufgebracht sich zergehen zu lassen, sondern diese vielmehr produktiv zu befördern im dialektischen Austausch. Konservative sowie progressive Energien des Lebens also fruchtbar im Zusammenspiel miteinander durch die Welt streiten und tanzen zu lassen!

Wir sitzen hier also mutmaßlich einem dreisten Widerspruch auf? Vielleicht. Aber steht nicht das Leben selbst in einem einzigen Widerspruch mit der Entropie des Universums?

Was uns „Wernher der Gärtner“ mit seiner Anti-Heldenreise jedenfalls schon sehr geschickt vermitteln kann, ist sowohl die Sicht des lebensmutigen, draufgängerischen Sohnes, der aus seinem gewöhnlichen, für ihn womöglich ganz und gar schon furchtbar langweilig gewordenen, bäuerlichen Leben ausbrechen und sich neue Perspektiven suchen will. Andererseits zeigt sich darin demgegenüber auch wunderschön die Stimme des altklugen, weisen Vaters mit dem Ordnungsruf zu Demut, Bescheidenheit und Vernunft.

Als Liebhaber von Natur und Garten können wir zudem ebenso sicher sagen: einer sonnenhungrigen und trockenheitsliebenden Pflanze wie der Schafgarbe (Achillea millefolium) brechen wir auf Dauer garantiert das Genick, wenn wir dieser heilsamen Pflanzenpracht womöglich gar wohlmeinend ein schönes Platzerl in einer feucht-fröhlichen Ecke unseres Gartens zumuten, im Schatten von dichtem Gehölz. Diese wird dann wohl oder übel undanks mangels gerechtem Standort wortwörtlich dahin vegetieren und schließlich kümmerlich vergehen. So wie wir gleichsam ein Köstliches Fensterblatt (Monstera deliciosa) um die Lebensfreude bringen können, wenn wir diese allseits beliebte Zimmerpflanze aus dem tropischen Urwald gnadenlos in die Wüste schicken und diese in eine knochentrockene Steppe oder eiskalte Winterlandschaft quasi widernatürlich zwangsversetzen.

Allerdings erschließt sich in der naturnahen Garten- und Landschaftsgestaltung ein wahrhafter Zauber erst in Verbindung oder Kontrast von natürlich gewachsener Wildheit und kultivierter Innovation. Und wieder: gerne geben wir auch hier einer gewissen „Ordo naturalis“ den Vorzug, selbstverständlich auf Basis der Erkenntnis, dass schon der Garten sowie die Kulturlandschaft an sich quasi die Urform einer „Ordo artificialis“ ist – also ein durchwegs „menschengemachter, kultivierter Lebensraum in künstlicher Ordnung“.

Und so soll es aus unserer Ansicht auch sein: die menschliche Kultur – also auch die Gartenkultur – treibt die höchsten Blüten, wenn diese möglichst natürlich durchwachsen ist, sich naturnah entwickelt, an natürlichen Ordnungen sich orientiert. Es ist der ewige Reigen von Natur und Kultur, von Alt und Neu, von Jung und Alt im Gegenspiel – im großen Kreis des Lebens!

Ich hoffe mittlerweile deutlich gemacht zu haben, dass ich hier also nicht die Wiedergeburt der mittelalterlichen Ständegesellschaft oder ähnliches propagieren will.

Vielmehr möchte ich in Klarheit bekräftigen:

Jawohl, ich glaube an die Freiheit und Würde sowie die Individualität und Vielfalt von Mensch und Natur. Gleichwohl ebenso an die „künstliche Natürlichkeit“ und Lebendigkeit von Kulturlandschaft und Garten als ausgewogene „mensch- und naturgerechte Lebensräume“. Und dabei schätze ich aber auch die allgegenwärtig zarte Widersprüchlichkeit sowie die sympathische Unvollkommenheit des Daseins. Beim Belenos!

Die Lektüre von Alois Brandstetters Roman „Der geborene Gärtner“, in welchem er in fiktionaler und humoristischer Weise sich mit „Wernher dem Gärtner“ sowie mit dessen „Meier Helmbrecht“ befasst, kann ich an dieser Stelle den geneigten Lesern im übrigen wärmstens ans Herz legen und empfehlen.

In diesem Sinne wünsche ich euch viel Freude beim Gedankenspiel, beim Experimentieren und Ausprobieren von Neuem sowie gleichermaßen beim Erhalten und Pflegen von Altbewährtem. Macht aus Lust und Laune durch Versuch und Irrtum hingebungsvoll erkenntnisreiche Lernerfahrungen und feiert Misserfolg und gutes Gelingen sowie (über-)sinnliche Einsichten in Natur und Garten sowie in das rätselhafte Wesen des Lebens an sich.

Das Feld ist offen für den Geist!

Bild: Auszug aus der Erzählung „Helmbrecht“ von Wernher dem Gärtner, Illustrierte Handschrift aus dem Ambraser Heldenbuch (1504-1517) (vgl. Quellenangabe: https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Wernher_der_G%C3%A4rtner:_Helmbrecht (24.10.2025)

Autor: Martin Konrad Zopf


[mkz]

Veröffentlicht von mkzopf

LEBENS·RAUM/gestalter · Freier Autor, Texter & Sprachkünstler · Philosoph & Musiker